Samstag, 19. Januar 2008

Nachtschicht

Nach gerade mal 2 1/2h Schlaf nach einer 12h Nachtschicht und am Nachmittag davor nur 2h Schlaf befinde ich mich im totalen Delirium. Die Sonne scheint draussen und nervt mich nur unheimlich. Die drei Wochen sind vorbei in der Stadt zivil unterwegs sein. Clubs besuchen und in doofe Gesichter sehen wenn man den Ausweis zeigt. Es hat mir super gefallen. Und doch...
Die Gewalttätigkeit gewisser Menschen verstehe ich nicht. Das Adrenalin schiesst durch den Körper, das Herz rast zum zerbersten und ich weiss es ist kein Film. Jeden Moment kann - und wird - es eskalieren. Völlig durchgeknallt, total besoffen, vollgepumpt mit Drogen, oder auch einfach sonst völlig gestört. Ohne Grund. Menschen die sich selbst so krass verletzten, in Wände rennen, sich so stark wehren dass es drei oder vier braucht um sie festzuhalten. Immer noch habe ich Angst. Und nie darf man sie zeigen. Ich träume schlecht, im Dämmerschlaf des Deliriums verwischt die Grenze von Traum und Realität, nur die Adrenalinschübe sind real. Vielleicht kann ich auch deshalb nicht mehr schlafen. Langsam erhalte ich eine Ahnung, weshalb viele ein Alkoholproblem haben. Damit lässt es sich besser schlafen und auch vergessen.
Seit einer halben Stunde hat unser Pikett begonnen wegen den Demos. Auch bei uns ist eine angesagt. Aber aufgerufen wurde ja vor allem nach Bern. Zum Glück für uns. Obwohl ich selbst auf jener Seite stand habe ich weder damal, noch verstehe ich heute die Gewaltbereitschaft. Das nützt doch einfach niemandem was, ausser das man aufgestaute Wut ablassen kann an einem künstlich erhaltenen Feindbild. Wenn man jemanden so provoziert, dann muss irgendwann eine Reaktion kommen. Nur damit sie dann sagen können "wir wussten ja wie brutal sie vorgehen?" Ich würd gern euch Kinder sehen, wenn euch Scheisse um die Ohren fliegt, ihr Steine im Gesicht habt und eine 1 1/2l Flasche voller Sand direkt auf euch zufliegt. Aber klar, wir sind die Brutalos. Glaubt mir, ich würde lieber zu Hause bleiben! Oder an einer friedlichen Demo mitlaufen. Nur leider ist dies ja kaum möglich.

Warum ist diese Sonne blos so hell? Und warum seh ich so Scheisse aus? Ich fange an zu verstehen was es mit all den Klisches der Bullen auf sich hat und das fast alle ihre Berechtigung haben. Man bewegt sich in einem gewissen Millieu (jeh nach Arbeitsplatz), es gibt Dinge die sich schwer wegstecken lassen, man hat praktisch nur mit den Wixern dieser Welt zu tun, man entwickelt eine ruppigere Art, die viele nicht verstehen und man wird verschlossener. Es wird schwieriger zu Hause Dinge zu erklären, man hält sich mehr an Kollegen, das nagt am zu Hause, was wiederum dazu führt, das man sich mehr an die Kollegen hält und das "gewohnte Millieu"...

Meine Augen brennen und ich kann kaum bis zum Bildschirm sehen. Die sollen sich blos ruhig verhalten hier, ich kann nicht ausrücken jetzt.
deer - 20. Jan, 12:46

Liebe Lexx,
danke für Deine Beiträge. Gerade weil sie
auch so offen sind.
Immer wieder hatte ich mit Pol.beamten zu tun,
die mich nicht verstehen konnten...dass es tatsächlich Menschen gibt, die in Polizisten keinen Feind, keinen Schläger und Kaputtmacher sehen wollen und auch niemanden verarschen wollen.
Trotz aller Verwundnungen und Voreingenommenheiten,
die einem so begegnen und entgegengeschleudert werden,
wir wollen uns niemals das eigene Lichtlein, die eigene Hoffnung und Liebe löschen lassen.
Um weiter Liebe zu verbreiten, so gut es eben geht:
als tapfere Polizistin oder als tapferer 1€ Jobber und fallengelassener Dipl.Theol.
Bis bald.
Dein Deer.
Lexx77 - 21. Jan, 18:19

Schwierig

Es ist so schwierig unvoreingenommen zu bleiben...
res63 - 29. Jan, 21:48

Hallo, Lexx77

Sag mal, habt Ihr in Eurer Ausbildung auch so etwas wie "Berufsethik"?

Lieber Gruß,
Res
Lexx77 - 30. Jan, 18:54

Ja

das haben wir. Warum?
res63 - 30. Jan, 20:03

Weil ich Berufsethik bei der deutschen Polizei unterrichte und mit höchstem Interesse deine Tagebuchaufzeichnungen gelesen habe. Finde es klasse, wie ehrlich Du die Dinge benennst und auf den Punkt bringst. Es bringt mir viel für meinen Unterricht, weil "meine" Anwärter soooo ehrlich scheinbar nicht sind. Grad heute hatte ich wieder 6 Stunden Unterricht und konnte Dank der Lektüre Deines Tagebuchs gestern Abend, mal so richtig provozierend sein. Das hat viel gebracht, weil ich sie mal so richtig aus der Reserve locken konnte ;-)
deer - 30. Jan, 20:44

aus der Reserve locken...
Wüsste da eine erprobte Muster-Frage:
"Wie würden sie sich verhalten, wenn ein stockbetrunkener, zölibatärer Kath.Dipl.Theologe bei ihnen aufkreuzt und harmlos schmusen will ? LG Deer.
res63 - 30. Jan, 22:02

Wie hast Du reagiert????
deer - 31. Jan, 07:57

Wie ich reagiert hätte ?
Fragen wir einfach mal Lexx.
Schließlich ist´s ja ihr Blog.
Denn bei ihr hätte ich keine Sorge,
dass sie sowas souverän gemeistert hätte.
LG.
Lexx77 - 31. Jan, 19:36

Tja

meine Lieben, das ist schön, von Euch solch nette Worte zu bekommen. Allerdings bin ich mir meiner Souveränität nicht so sicher wie Du lieber deer. Sicherlich würde ich ihm in bestimmter Art und Weise sagen, dass er das zu unterlassen hat. Wenn ich einen schlechten Tag habe würde ich wahrscheinlich sagen er solle sich jemand anderen suchen. Wenn ich einen guten Tag habe (und er genug Geld), dann würde ich ihm wohl ein Taxi für nach Hause rufen und empfehlen den Rausch auszuschlafen. Allerdings muss ich schon ehrlich zugeben deer, dass ich auch nicht besondere Lust hätte auf so eine Diskussion, da wir eigentlich meist Besseres zu tun hätten.

res63: das ist ein schwieriges Fach zum unterrichten und ich habe grossen Respekt vor jenen, die dies tun. Doch glaube ich, dass dies frustrierend sein muss. Hier war es jedenfalls ein "Hassfach" so wie Psychologie. "Unnötig, doof, überflüssig, unnütz, zeitverschwenderisch und absolut nicht praxisnah" um nur ein paar Adjektive zu nennen. Ich persönlich empfinde das nicht so, allerdings darf man das blos nicht laut sagen! Bist Du denn selbst auch Polizist?
Manchmal ist es auch schwierig mit der Ethik. Je länger man arbeitet, umso schwieriger wird es nicht rassistisch zu werden. Und manchmal liegt es halt doch nah, dass mal die Hand ausrutsch, wenn die Person vor einem ins Gesicht grinst und sagt: "Ich weiss wo Du wohnst und Deine Familie. Ich werd's Deinem Freund schon mal richtig zeigen und Dich kriege ich schon noch und dann weisst Du was ein richtiger Mann ist!". Oder wie bei einem Kollegen:"Ihr könnt mich eh nicht hier behalten und morgen hole ich deine Tochter von der Schule ab und figg sie mal so richtig." Wer bei so persönlichen Drohungen noch die Fassung behält und seine Hand vor dem Ausrutschen noch halten kann, - Hut ab. Aber wir müssen das ja können.

Und für die, die jetzt gleich schreiben wollen, ja man kann den ja wegen Drohung und Beledigung von Beamten anzeigen - ja das kann man. Aber wenn man alleine die Befragung gemacht hat steht Aussage gegen Aussage. Und ausserdem interessiert die das sowieso einen Dreck, weil das in ihren grösseren Vergehen oder Verbrechen konsumiert wird (rechtlich). Obwohl ich mich wirklich nicht als aggressiven Menschen sehe, so gibt es doch Situationen, in denen die Hand schon zittert vor Wut, Hilflosigkeit gemischt mit Angst. Und in solchen Momenten nervt dieses Fach ganz einfach, weil man einen verdammten Verbrecher, der sich einen Dreck um Menschen und deren Wohlergehen schert vor sich hat, und ihn mit Samthandschuhen anfassen muss, die er mit seiner Art und Weise eigentlich gar nicht verdient hat. Ausserdem sind das meist auch genau die, die genau wissen, dass das System so funktioniert und dies auch schamlos ausnützen. Das lässt einem hilf- und manchmal ratlos zurück mit einem Gefühl keine Chance zu haben mit unseren Mitteln.

So, jetzt habe ich mich aber doch noch ziemlich ereifert...
Was meint ihr dazu?
Kinkerlitzch3n - 31. Jan, 20:07

Ich meine, du hast dir einen verdammt harten Job ausgesucht und ich hoffe für dich, daß du damit klar kommst, dich abgrenzen kannst, wo es nötig ist, aber selbst nicht verrohst dabei.
Mein Schwiegervater ist auch Polizist, mittlerweile nicht mehr bei der Kripo, sondern am Land, trotzdem muß er auch viel anschauen und aushalten. Vieles geht ihm sehr nahe, mich wundert nicht, daß er (auch durch den Schichtdienst) ernsthafte Schlafstörungen hat.

Du hast große Ambitionen, das finde ich toll und ich drück dir alle Daumen für deine Aufgabe!
Lexx77 - 3. Feb, 12:32

Danke

Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Ich hoffe, dass Dein Schwiegervater eine Lösung findet für seine Schlafprobleme. Jeder muss da für sich ein Mittel finden.
Kinkerlitzch3n - 4. Feb, 13:01

Tja, er wartet auf die Pension...so ist er nunmal.
Lexx77 - 5. Feb, 20:20

Ja, von denen gibt es ein paar...
res63 - 13. Feb, 19:54

Liebe Lexx!

Ich mache mir durchaus keine Illusionen darüber, dass all die Theorie in der Praxis manchmal fragwürdig scheint. Zumindest wenig praktikabel.

Mein Anliegen ist es deshalb in erster Linie, Bewusstsein zu schaffen, zur Reflexion des eigenen Tuns und der eigenen Einstellung anzuregen und den Finger in Wunden zu legen. Ich bin selber zwar kein Polizist sondern Seelsorger, aber habe schon an vielen Dienststellen - übrigens in Uniform - Dienstschichten mitgemacht, vor allem am Hauptbahnhof Frankfurt/Main und am Flughafen Frankfurt/Main.

Du kannst Dir vorstellen, was dort so abgeht.

Ich beobachte, registriere, staune... und bin mehr und mehr voller Respekt vor dem Dienst der Kolleginnen und Kollegen.

Dabei zu sein, zuzuhören, zu kommentieren, wo es angebracht scheint ... das kommt gut an und wird dankbar angenommen. Zumal manches Mal weniger das sogenannte "polizeiliche Gegenüber", sondern eher die Um- und Zustände an den Dienststellen das größere Problem, bzw. die größere Belastung sind.

Mich dann dafür einzusetzen, dass dort, wo man etwas ändern kann, dann auch etwas geändert WIRD, sehe ich als eine ebenso wichtige Aufgabe, wie das Unterrichten von "hehrer Ethik", wobei ich die nicht als unwichtig abtun möchte. Ideale haben es nun mal an sich, dass sie nicht "Alltag" sind, dass man sie immer nur anstreben kann, selten aber erreichen wird. Sie deshalb aufzugeben, wäre fatal!!!

Ich muss sagen, dass ich sehr sehr viele positive Beispiele berichten könnte, wo Polizistinnen und Polizisten über sich hinausgewachsen sind. Diese Beispiele herauszuheben und zu würdigen, sehe ich als eine weitere Aufgabe an. Ohne dabei "von oben herab" zu "predigen", glaube ich an die Kraft positiver Beispiele. Vor allem, weil ich den Eindruck habe, dass das gute, sogar das sehr gute Verrichten des Dienstes einfach als selbstverständlich hingenommen wird, während das kleinste "Versagen" aufgeplustert wird. So manchem Dienstvorgesetzten musste ich diesbezüglich schon gehörig die Meinung sagen. Warum fällt es Führungskräften nur so schwer, auch mal zu loben und Leistung anzuerkennen??? Ich weiß nicht, ob das ein typisch deutsches Problem ist .... Jedenfalls versuche ich auch diesbezüglich mal einen etwas anderen Habitus zu etablieren.

Frustriert bin ich nicht, obwohl ich manchmal das Gefühl habe, wie Don Quichote gegen Windmühlen anzukämpfen ;-)

Die positiven Rückmeldungen, auch wenn sie selten sind, geben mir immer wieder Antrieb und das Bewusstsein, zu etwas nütze zu sein. Und wenn es auch "nur" ein gelgentliches Schulterklopfen für die Kollegen und Kolleginnen ist, eine Ermunterung wird immer gern angenommen....
Lexx77 - 14. Feb, 10:28

Ich freue mich

dass Du doch noch Zeit gefunden hast für eine Erläuterung! Schön, wenn Du gute Erfahrungen gemacht hast! Sicherlich ist es auch ein wunder Punkt, dass oft der Schuh auf den Dienststellen drückt. Wir Schweizer sind ja nicht so sehr anders als die Deutschen, deshalb ist das bei uns auch nicht anders. Gelobt wird ja ganz generell zu wenig. Mir ist aufgefallen, dass Frauen das etwas besser können, vor allem diejenigen, die bereits Kinder haben. Ich habe da gerade eine sehr schöne Erfahrung gemacht mit einer Arbeitskollegin. Man vergiss wie gut einem Lob tut, wenn man es so selten erhält. Obwohl ich mich momentan gar nicht beklagen kann, denn die sehr rasch aufeinanderfolgenden Qualifikationsgespräche verliefen immer alle super.
Die Saceh mit den Idealen hast Du schön formuliert und gibt mir auch wieder Mut. Vor allem aber tröstet es mich, wenn man sie einmal nicht erreicht. Wenn man mal blöd oder überreagiert. Nicht nur bei der Arbeit, sondern manchmal ja auch im Privaten. Deine Worte haben mich sehr motiviert! DANKE!

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